Photoshop auf Wish bestellt: Warum der Adobe-Untergang (trotzdem) noch abgesagt ist

Die Creative Bubble geht auf LinkedIn wieder einmal wild. Der Grund? ArtCraft. Das Open Source Studio hat gleich mehrere Programme aus den Häusern Microsoft und Adobe als sogenannte «Clean-Room-Implementation» kopiert. Natürlich mit KI. «Vibe gecodet». Clean-Room-Implementation – sprich etwas nachzubauen ohne Zugriff auf den (geschlossenen) Quellcode. In diesem Falle der Originalcode von Adobe.
Auf LinkedIn, Instagram und YouTube überschlagen sich die Testberichte und Reaktionsvideos. Die Meldung der Szene war schnell zusammengefasst: Adobe ist geliefert, Aktienkurs fällt, das Abo-Modell endlich Geschichte. Und ab jetzt baut sich einfach jeder seine eigene Creative Suite zusammen. Natürlich viel besser als das Original.
Was ist da wirklich dran?
Der Realitätscheck in der Druckvorstufe
Schaut man sich die Sache einmal nüchtern an, relativiert sich die Aufregung schnell. Ja, ich habe mir einige Videos dazu reingezogen und auch selbst einen Blick auf die Apps geworfen. Allem voran dem PDF-Reader. Wie zu erwarten war, ist eine solche Alphaversion – viel weiter ist man wohl noch nicht – meilenweit davon entfernt, was ein Acrobat Pro leistet. Besonders wenn es um professionelle Workflows geht, etwa in der Druckvorstufe, wo PDFs nicht nur angeschaut, sondern systematisch überprüft und bearbeitet werden müssen.
Für einfache Anwendungsfälle reicht eine normale Mac-Vorschau oder der Standard-Acrobat völlig aus. Aber Profis, die tagtäglich auf verlässliche Preflight-Checks angewiesen sind, werden so schnell nicht wechseln. Das Problem ist schlicht: Die bestehende Adobe-Software funktioniert in diesem Bereich verlässlich. Und wer professionell damit arbeitet, braucht absolute Zuverlässigkeit.
Dass KI-gestützte Nachbauten optisch schon verblüffend nahe an die Vorgänger rankommen, ist beeindruckend. Aber Optik ist eben nicht gleich Funktion.
Alternativen gibt es nicht erst seit gestern
Dass man sich jetzt angeblich «endlich von Adobe verabschieden kann», ist eigentlich gar keine News. Wer das wirklich will und kann, tut es schon lange. Es gibt seit Jahren eine Fülle von Alternativen auf dem Markt – vielleicht nicht immer quelloffen, aber deutlich günstiger und für mindestens drei Viertel der Anwendenden mehr als ausreichend.
Ein kleiner Blick auf die Realität jenseits des Hypes und meinen Empfehlungen:
- Illustrator-Alternative: Affinity Designer
- Photoshop: Affinity Photo, Photopea, diverse KI-Image-Editor-Tools
- InDesign: Affinity Publisher
- Audition: Audacity
- Premiere: DaVinci Resolve
- Figma: Sketch (wobei Figma zwar als Adobe Produkt gilt, aber mit eigenständigem Charakter und Free Modell keine wirkliche Alternative benötigt)
- Microsoft Office: iWork, Google Workspace, LibreOffice
- Lightroom: Capture One (for Fuji/Sony), Darktable
- PDF (Standard): Mac Preview / Acrobat
- After Effects: DaVinci Resolve, Blender
Mein persönliches Highlight neben der Affinity-Suite ist übrigens nach wie vor Photopea. Diese Online-Photoshop-Version gab es schon vor dem aktuellen KI-Boom. Und für schnelle Bildanpassungen zwischendurch ist sie meistens sogar schneller als Photoshop überhaupt erst zu starten.
Der Bequemlichkeitsfaktor «Alles aus einer Hand»
Warum kommt es also trotzdem nicht zum Massenexodus bei Adobe Subscriptions? Neben Spezialfunktionen wie Color Managemet via Bridge, Creative Cloud Librarys Sync oder den Photoshop KI Tools, ist es meines Erachtens vor allem die Bequemlichkeit. Adobe bietet das komplette Ökosystem aus einer Hand. Affinity macht als starker Konkurrent zwar einen hervorragenden Job (und ist für viele Gelegenheitsanwender:innen ohnehin schon mächtiger als nötig), aber für Profis welche ein zuverlässiges Gesamtpaket von Grafik bis Motion Design und Preflight Check, hat wenig Lust, sich für jede Nische eine App von einem anderen Anbieter zusammenzusuchen.
Wo ArtCraft aber zumindest für mich tatsächlich einen Nerv treffen könnte, wenn die Entwicklung weitergeht: bei After Effects und Acrobat Pro.
Weder Blender (starker Fokus auf 3D) noch DaVinci (fokussiert auf Schnitt und Color Grading) decken klassisches Motion Design so spezialisiert ab wie After Effects. Und im PDF-Bereich gibt es für die tiefen Druckvorstufen-Optionen von Acrobat Pro schlicht kaum echte Alternativen. In diesen zwei Bereichen würde ich mich über echte Konkurrenz riesig freuen. Fast alle anderen Alternativen halten mit den Originalen locker mit – wenn sie nicht in einigen Punkten sogar besser sind (die KI-Integration in Photoshop mal ausgenommen).
PR-Stunt oder echte Zukunft?
Ob die ArtCraft-Projekte wirklich weiterentwickelt werden und wir jemals eine echte Beta oder Version 1.0 zu sehen bekommen, bleibt abzuwarten. Es würde mich nicht überraschen, wenn das Ganze am Ende vor allem eins war: Extrem erfolgreiche PR für das ArtCraft Studio.
Denn bei aller berechtigten Kritik muss man Adobe eines lassen: Sie haben ihre Software über Jahrzehnte beharrlich weiterentwickelt. Auch wenn der damit verbundene ganze historisch gewachsene Code wohl mittlerweile eher Last als Vorteil ist.
Und wer weiss: Vielleicht kommts zum Plottwist und Adobe ganz einfach ArtCraft, kombiniert den neuen in Rust geschriebenen Clean-Room-Code mit KI mit dem originalen Quellcode der Creative Suite und bringt den Apps damit genau den Performance-Schub, den sich viele wünschen.
Bis dahin bleibe ich als Gelegenheitsnutzer aber solange im Privaten Umfeld bei den günstigen Alternativen. Für alles professionelle wird die bittere Pille weiterhin geschluckt. Und der Bequemlichkeit halber brav monatlich die Subscription Fee an Adobe überwiesen, bis wir eine Alternative kriegen, welche ein klein weniger nervend ist als Adobe.